Kognitive Aktivierung im Unterricht

Wir alle machen uns oft Gedanken, wie wir die Qualität unseres Unterrichts verbessern können. Wie schaffe ich es, dass alle Kinder mitdenken und lernen können? Was muss ich tun, um die Kinder zu einer tiefgehenden Auseinandersetzung mit einem Thema anzuregen? Wie kann ich alle Kinder erreichen?

Zusammenfassend kann man sagen: Wir machen uns Gedanken, wie wir unseren Unterricht kognitiv aktivierend gestalten können.

Ja, dieses Wort klingt erstmal sperrig. Kognitive Aktivierung meint aber genau das! Das Mitdenken der Kinder im Unterricht – die tiefergehende Auseinandersetzung mit Lerninhalten – das Aktiv- und Beteiligtsein am Unterricht.

Damit ist die kognitive Aktivierung eigentlich der Kern des Unterrichts (und laut Studien von Klieme 2006, eines der drei Merkmale von Unterrichtsqualität). Umso erstaunlicher ist daher, wie wenig wir Lehrkräfte diesem Begriff über den Weg laufen. Wenn wir aber im Unterricht den Fokus auf die kognitive Aktivierung setzen, können wir Lehrkräfte, jedoch vor allem die Kinder, davon sehr stark profitieren.

Im Unterricht bedeutet das also für uns Lehrkräfte, dass wir „hinter die Kulissen“ schauen müssen. Werden die Schülerinnen und Schüler bei dieser Aufgabe wirklich zum Denken angeregt? Oder besteht die Aufgabe vielleicht eher aus handelnder Auseinandersetzung, die aber nicht zwingend eine kognitive Auseinandersetzung erfordert?

Wir haben in diesem Beitrag Maßnahmen aufgelistet, wie du deinen Unterricht anregender (also kognitiv aktivierender) gestalten kannst. Zum Selbststudium und bei weiterem Interesse sind am Ende des Beitrags Artikel und Beiträge verlinkt, die kostenlos verfügbar sind.

Im Unterricht sollen deine Methoden und Materialien die Auseinandersetzung mit dem Lerninhalt anregen. Sie sind oftmals aber nicht per se anregend, weshalb es auf die richtigen Impulse und Fragestellungen ankommt.

Kleiner Hinweis: Ob die Kinder dein Angebot (Aufgaben…) nutzen können und so kognitiv aktiv sind, hängt von vielen Faktoren ab (siehe Angebot-Nutzungs-Modell). Mach dich also bitte nicht verrückt, wenn du merkst, dass einige Kinder dein Angebot nicht in deiner gewünschten Form nutzen können. Oftmals hängt das mit der Tagesform der Kinder, Problemen zuhause und so weiter zusammen. Schau also auch hier „hinter die Kulissen“, bevor du dich und deinen Unterricht oder die Arbeitsweise der Kinder verurteilst!

Um deinen Unterricht als kognitiv aktivierendes Angebot zu gestalten, kannst bei der Planung Folgendes beachten (nach Kleickmann 2012):

  • Probleme oder Aufgaben herausfordernd gestalten

  • Den Sachverhalt didaktisch reduzieren und sequenzieren, aber nicht zu sehr vereinfachen oder in zu kleine Teilschritte teilen (ja, das ist ein Balanceakt!).
    Versuche, Hilfen und Unterstützung für die Aufgabenlösung bereitzustellen. Die Kinder sollen angeregt werden, eigenständig kognitiv zu arbeiten, jedoch natürlich auch sicher ein Erfolgserlebnis erzielen können.
    (Differenzierung, Tipp-Karten, Helfer-System, Roter Faden!, usw.)
  • Interessen der Kinder berücksichtigen
  • Das klappt natürlich nicht immer. Du kannst aber versuchen, Sachverhalte als Probleme darzustellen, die Lebenswelt der Kinder mit einfließen zu lassen oder durch digitale Medien o.ä. situationales Interesse zu wecken.
    (Fragen stellen, Widersprüche geben, Filme zeigen, usw.)
    Schwierigkeiten beim Verständnis Überlege dir im Vorhinein, wo Schwierigkeiten beim Verständnis aufkommen können und versuche solche Stellen zu reduzieren oder Hilfestellungen zu bieten.
    (Tipp: Löse selbst die Aufgaben, die du den Kindern anbietest. Dabei merkt man Stolperstellen recht schnell!)

    Im Folgenden sind einige Beispiele (bei weitem nicht alle) aufgelistet, wie du während des Unterrichts kognitive Aktivierung anregend kannst (nach Kleickmann 2012):

    Impulse auf Widersprüche Durch bestimmte Impulse auf Widersprüche in der Thematik oder in Schüleraussagen hinweisen.
    (z.B. zwei gegensätzliche Meinungen, Aussagen, Bilder, usw. gegenüberstellen)
    Richtige Aussagen deutlich hervorheben Dabei helfen, richtige Aussagen deutlich hervorzuheben.
    Vorstellungen deutlich machen Vor Beginn eines Themas anregen, dass die Kinder ihre Vorstellungen deutlich machen und während der Stunde helfen, die Sachverhalten mit der Vorstellung zu verbinden.
    (z.B. Vorstellungen aufschreiben und nach einer Einheit ergänzen)
    Anwendungssituationen Echte Anwendungssituationen für Wissen schaffen
    (In Mathe bspw.: Raus aus dem Aufgabenformat, wenn es genug geübt wurde. Überlege dir beispielsweise Spiele, Aufgaben o.ä., in denen die Kinder die geübte Operation anwenden müssen, um das Problem zu lösen usw.)
    Diskussionen anregen Diskussionen unter den Kindern anregen
    (Probleme/Sachverhalten in eigenen Worten erklären, Think-Pair-Share zu kontroversen Aussagen/Lösungen usw.)
    Klare Sprache verwenden Wenige, aber klare Impulse; nicht zu viel Information pro Satz usw. Dazu kannst du auch unseren Beitrag zu kindgerechte Lehrer*innensprache lesen oder die Podcastfolge dazu hören
    Beteiligung aller Schüler*innenDarauf achten, dass alle Schüler*innen (wirklich möglichst alle!) am Unterrichtsgeschehen, an Diskussionen und bei der Aufgabenbearbeitung beteiligt sind!!
    (Hier stellt sich mir die Frage, ob Gruppenarbeit, wie man sie oft vorfindet, wirklich so aktivierend ist für alle Kinder? Hast du auch schon beobachtet, dass das gemeinsame Gestalten eines Plakates von z.B. 4 Kindern oft nicht alle 4 Kinder kognitiv anregt? Vielleicht müssen wir Gruppenarbeit hier neu denken)
    Differenzierung und UnterstützungEine Beteiligung aller Kinder zu ermöglichen, bedeutet aber nicht nur die Verwendung klarer Sprache und den Einsatz von guten Aufgaben und echter Gruppenarbeit. Auch die Differenzierung und die Hilfestellung (s.o.) helfen dabei, möglichst allen Kindern das Thema auf ihrem Niveau zugänglich machen zu können. Nur so können Denkprozesse überhaupt angeregt werden!

    Kognitive Aktivierung ist ein Begriff, der sich „neu“ anfühlt. Jedoch gibt es in deinem Unterricht bestimmt viele Potenziale zur kognitiven Aktivierung. Du hast es bisher nur nicht so genannt! Und auch, wenn es unser Wunschzustand ist, wird trotzdem nicht jede Unterrichtsstunde und nicht jede Aufgabe jedes Kind zur kognitiven Aktivität anregen. Wie gesagt, dass kann auch einfach am aktuellen Tageszustand eines Kindes liegen!

    Was kannst du also tun?

    Wir Lehrkräfte sollten immer versuchen, möglichst alle Kinder mit unserem Unterricht anzusprechen. Das bedeutet:

    1. klare Sprache
    2. Differenzierung
    3. Aufgaben, die die Beteiligung aller Kinder herausfordern

    Für mich sind das die wichtigsten Punkte, die jede Lehrkraft sofort umsetzen kann.

    Weiterhin kannst du dir dann Methoden überlegen und einführen, die bei der kognitiven Aktivierung helfen, z.B.:

    1. Immer im Sachunterricht Vorwissen abfragen (z.B. mit kleinen laminierten Kärtchen. Die Kinder schreiben ihr Vorwissen drauf, schieben es unter das Federmäppchen und schreiben dann am Ende der Stunde das neu gelernte hinzu –>Ganz wichtig hier: falsche Vorstellungen nicht (!) durchstreichen, denn jede Vorstellung hilft beim Lernen und beim Anknüpfen an eine Thematik. Hier sollten die Kinder das „Growth Mindset“ einsetzen: Sie konnten es noch nicht, aber jetzt haben sie etwas dazugelernt. Diesen Lernfortschritt zu sehen ist toll!)
    2. Bei Diskussionen oder Gruppenarbeiten durch verschiedene Maßnahmen darauf achten, dass sich jedes Kind beteiligt (z.B. Jedes Kind bekommt eine eigene Aufgabe, ähnlich wie beim Gruppenpuzzle oder als Ziel festlegen, dass jedes Kind mindestens einen Satz zu einer Aufgabe sagt o.ä.)
    3. Helfersysteme entwickeln
    4. Die eigene Sprache hinterfragen und beispielsweise Impulse vorher genau überlegen (vielleicht sogar schriftlich festhalten)

    Das sind nur einige Maßnahmen von vielen, die – einmal eingeführt und eingeübt – sehr gut funktionieren (ähnlich wie Rituale).

    Kognitive Aktivierung ist ein wichtiger Bestandteil guten Unterrichts. Sie ist versteckt, lässt sich schlecht messen und beobachten. Aber durch verschiedene Maßnahmen, kann man Denkprozesse bei den Kindern leicht anregen!

    Für mich ist das Ziel, dass ich den Begriff vor lauter Materialschlachten, Arbeitsblattverschönerung und Schulstress nicht aus den Augen verliere, denn eigentlich sollte jede Stunde kognitiv aktivierend sein. Und ist uns der Lernzuwachs und das damit zusammenhängende Erfolgserlebnis der Kinder nicht sogar wichtiger, als ein (nach außen hin) perfektes Material?

    Handreichung von Kleickmann

    kognitive Aktivierung im Unterricht (Fauth, Leuders)

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