Die Friedensbrücke

Schon wieder ein Streit! Oft kommen die Kinder voller Groll, Kummer oder Aggression aus der Pause zurück ins Klassenzimmer. Als Lehrkraft rollt man da oft innerlich schon mit den Augen: Nicht schon wieder! Wie kriege ich da jetzt Frieden rein, ohne zu viel von der kostbaren Unterrichtszeit zu verbrauchen? Da bleibt oft nur eine schnelle Klärung der Schuldfrage oder das Ganze einfach zu ignorieren. Beides ist für mich als Lehrerin aber höchst unbefriedigend und hinterlässt ein ungutes Gefühl am Ende des Schultages.

Erst seit ich akzeptieren kann, dass Streit nicht vermieden werden muss, sondern zum Alltag von Kindern (übrigens auch von Erwachsenen 😊) gehört, kann ich dem etwas entspannter gegenüberstehen. Das Wichtige dabei ist, Konflikte möglichst friedlich und anhaltend beizulegen – und, im Hinblick auf die Unterrichtszeit, auch möglichst zügig. Diese Erkenntnis aus der gewaltfreien Kommunikation (nach Marshall / Rosenberg) war für mich eine unglaubliche Erleichterung bei der Lösung von Konflikten im Klassenzimmer. Deshalb möchte ich ein Konzept vorstellen, das daraus hervorgegangen ist und auf Schulniveau angepasst ist: DIE FRIEDENSBRÜCKE oder auch Friedenstreppe – ursprünglich entwickelt von Brigitte Zwenger-Balink.

Ziel ist es, alle Beteiligten mit ihren Bedürfnissen wahrzunehmen und respektvoll zu behandeln – egal wie vordergründig offensichtlich die Schuldfrage ist.

Die Friedensbrücke verläuft in vier festgelegten Schritten, in denen die Kinder aufeinander zugehen und sich mit ihrem Problem beschäftigen. Dabei wird die jeweilige Karte auf den Boden gelegt und der Schritt auch physisch getan:

1. Was ist passiert?

  • Die beiden Konfliktparteien berichten (möglichst objektiv), was wirklich passiert ist – wie fotografiert.
  • „Immer“ und „nie“ gibt es nicht! (Kein: Immer schubst du mich! Nie lassen die mich mitspielen!…)
  • Wir sagen genau, wann und wie oft es passiert ist.
  • Alle Sätze fangen mit „Ich…“ an. (Ich habe gesehen, dass du mich beim Anstellen geschubst hast.)

2. Wie fühlst du dich?

Beim nächsten Schritt dürfen alle Beteiligten mitteilen, wie sie sich fühlen – eventuell noch mit Begründung. (Ich bin traurig, weil ich nicht mitspielen durfte……) Hier braucht es oft Formulierungshilfen durch die Lehrkraft. Auf der Rückseite der zugehörigen Stationskarte kann man mögliche Adjektive bereithalten.

3. Was wünschst du dir?

Hier ist der Ort, an dem alle Beteiligten sagen dürfen, was sie sich wünschen oder auch gewünscht hätten (Ich wünsche mir eine Erklärung / Spielzeit / Hilfe von einem Erwachsenen…..). Auch hier muss anfangs geholfen werden. Für Kinder ist das sehr schwer zu formulieren.

4. Welche Lösung findet ihr?

Bewusst ist diese Stationskarte nur noch einmal vorhanden. Hier treffen sich die Parteien in der Mitte der Brücke. Nun vereinbaren sie gemeinsam, wie sie den Konflikt beilegen können: Zeit miteinander verbringen, Abstand halten, Spielzeit, Teilen, ein Bild als Entschuldigung malen, einen Brief schreiben…

zu 1. Dadurch, dass jede*r sicher sein kann, zu Wort zu kommen und seine Sicht der Dinge darzustellen, bringt man schon mal etwas Ruhe in die aufgewühlten Gemüter. Alle Sätze beginnen mit „Ich…“, sodass es schon schwierig ist, reine Anschuldigungen oder Vorwürfe zu formulieren. Das nimmt sofort Dampf aus dem Kessel und es ist faszinierend zu sehen, dass sich die Kontrahenten schon bei der Darstellung des Sachverhaltes gleich weniger angegriffen fühlen.

Besonders in dieser emotional noch sehr aufgeladenen Phase kann die OMA-Regel hilfreich sein:

  • O = Ohren: Wir hören zu und lassen uns gegenseitig ausreden.
  • M = Mund: Wir sprechen freundlich miteinander, ohne Schimpfwörter.
  • A = Augen: Wir schauen uns dabei in die Augen.

Meist ist nach diesem Schritt schon der erste Ärger verraucht, denn alle werden angehört – und zwar möglichst neutral, ohne Vorverurteilungen, zu denen ich im Stress des Unterrichtsalltages durchaus neige (Kein: War ja klar! Was ist nun schon wieder? Du schon wieder!) Man weiß das ja aus eigener Erfahrung – das reicht oft schon um „runterzukommen“.

zu 2.  Neu war für mich auch dieser zentrale Punkt der Konfliktbewältigung: das Bennen der Gefühle, die die Streitenden hatten und haben. Das ist zugleich der schwierigste Schritt, bei dem es anfangs unbedingt erforderlich ist, dass der*die Lehrer*in beim Formulieren hilft. Gefühle zu erspüren und zu verbalisieren, damit sind nicht nur Kinder oft überfordert. Auf der Rückseite der Stationenkarte kann man dafür auch passende Adjektive zur Verfügung stellen (siehe Download). Wenn die Kinder die Friedensbrücke häufig anwenden, kann man förmlich zuschauen, wie damit auch die Bereitschaft und die Fähigkeit wächst, sich in andere einzufühlen.

Interessant finde ich, dass am Ende oft gar keine eindeutige Lösung für den jeweiligen Anlass nötig ist, wer angefangen hat oder wer schuld an dem Streit war. Diese Fragen treten im Laufe der Stationen meist in den Hintergrund und der Schwerpunkt verlagert sich auf die Lösung, an der dann intensiv gearbeitet wird.

In meiner Klasse ist an dieser Stelle der Ärger meist schon verraucht und alle sind offen, sich an die Lösung zu machen.

zu 3. Und die beginnt damit, dass alle Parteien sagen, was sie sich gewünscht hätten oder jetzt wünschen. Auch hier sind Vorschläge und Hilfen seitens der Lehrkraft nötig. Dabei kommen interessante Wünsche zutage: eine Erklärung für das Verhalten, in Ruhe gelassen zu werden, mitspielen zu dürfen,…. – auch hier darf man kreativ sein und Neues ausprobieren. Hier können aber auch die erprobten Vorschläge auf der Rückseite der Stationenkarte (siehe Download) helfen.

zu 4. Besonders gewöhnungsbedürftig fand ich, dass das Ergebnis völlig offen ist. Als Lehrerin „weiß“ ich ja oft schon, wer den Streit vom Zaun gebrochen hat. Weit weniger offensichtlich als das „Wer“ ist das „Warum“. Und was dabei zutage tritt, wenn diejenigen sich äußern, die in meiner Wahrnehmung die „Aggressoren“ waren, bringt mich auch als erfahrene Lehrkraft immer wieder zum Staunen. Nicht selten zeigt es mir, wie voreingenommen ich oft bin. Umso wichtiger, dass man sich als Lehrer*in zurücknimmt und neutral agiert.

Die Anwendung der Friedensbrücke kann sehr emotional und persönlich sein. Es erfordert deshalb ein Höchstmaß an Sensibilität und Diskretion von uns Lehrer*innen. Die Kinder öffnen sich und werden damit sehr verletzlich. Sie müssen sich unter allen Umständen darauf verlassen können, dass sie sicher sind vor jeglicher Herabwürdigung (Auslachen, Häme, abfällige Bemerkungen, Besserwisserei….) – und das ist das einzig Schwierige an dieser Methode.

Um eine Atmosphäre des Vertrauens und der Sicherheit in der Klasse zu schaffen, habe ich zwei sehr strikte Regeln:

  1. Es wird niemand ausgelacht – weder, wenn ich dabei bin, noch in meiner Abwesenheit. 
  2. Es wird nicht über jemanden geredet, der nicht da ist.

Das sind zwei simple Grundsätze, die aber in sehr kurzer Zeit eine vertrauensvolle Klassenatmosphäre schaffen. Ich bin dabei sehr streng – da lasse ich nichts durchgehen, zum Schutz aller.  Aber auch hier machen wir, wenn es irgendwie geht, die Friedensbrücke.

Wird beispielsweise jemand ausgelacht, schimpfe ich nicht, sondern biete sofort an, unsere Brücke zu machen. Leider gelingt es mir nicht immer – manchmal platzt mein Geduldskragen noch vor der Brücke….. – aber auch ich kann dazulernen 😊.

Anfangs benötigten die Kinder noch sehr viel Unterstützung von mir (und bei schwerwiegenderen Streitigkeiten ist das immer noch so), aber mittlerweile holen sie sich die Friedenskiste nach der Pause ganz selbstständig. Die Plastikkiste mit der Aufschrift „Friedensbrücke“ enthält die Stationen- karten (1 – 3 jeweils doppelt, die 4. einfach) und Moosgummikreise in denselben Farben (1 – 3 jeweils doppelt, die 4. einfach). Die Beteiligten bauen alles im Gang auf und regeln das dann selbstständig. Wenn sie nicht weiterkommen, können sie mich jederzeit holen und ich unterstütze.

Falls es Streitigkeiten sind, die die ganze Klasse oder größere Gruppen betreffen, machen wir das in der Klasse. Dann habe ich auch besser die Kontrolle, ob es wirklich respektvoll und wertschätzend abläuft oder ob ich eingreifen muss.

Im Anschluss bekommen die Beteiligten Applaus von der Klasse für ihre Leistung und auch dafür, dass sie Hilfe von einem Erwachsenen geholt haben.

Fazit:

Ein Prinzip im Klassenzimmer sollte sein, dass sich ALLE Kinder und Lehrer*innen wohlfühlen. Wo das nicht gegeben ist, wird es anstrengend und macht keinen Spaß. Voraussetzung für dieses Wohlfühlen ohne Angst ist, dass jeder mit seinen Bedürfnissen ernstgenommen und respektvoll behandelt wird.

Die Friedensbrücke hilft den Kindern, eine friedliche Konfliktlösungen in ihr Verhaltensrepertoire aufzunehmen – und mir, mich auf einer anderen Ebene auf die Kinder einzulassen. Ich finde, wir haben seither ein viel vertrauteres Verhältnis zueinander. Es ist schwer zu beschreiben – ich kann nur ermuntern, es mal auszuprobieren….

Ich halte die Friedensbrücke für ein äußerst wertvolles, soziales Übungsfeld, sie fördert die Selbstkompetenz und Konfliktfähigkeit und trägt so zu einem friedlichen und respektvollen Miteinander bei.

Viel Spaß beim Ausprobieren! Wir freuen uns, wenn ihr uns mitteilt, wie es euch damit geht!

Wie die Friedensbrücke in der Praxis funktioniert, kannst du dir in unserer Podcastfolge anhören. Dort erklärt Sabine die Methode an einem konkreten Beispiel aus dem Klassenzimmer und gibt noch zusätzliche Tipps zum Einsatz der Friedensbrücke. Es lohnt sich reinzuhören :).

#4 Die Friedensbrücke – eine erfolgreiche Konfliktlösung im Klassenzimmer

Das Material kannst du hier kostenlos downloaden:

Eine Antwort schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.